CoM DS
Adventure-Treff





Adventure-Treff
CoM DS
eature

Episode 1: Kidnapped



Ein herrschaftliches Anwesen in Neuseeland. Ein lauer Sommerabend, die Vögel zwitschern. Wie immer bringt das Kindermädchen Clara auch diesmal das Abendbrot in das Kinderzimmer von Greta und Harry. Erstaunt ob der Ruhe lauscht sie an der Tür. Ob die Kleinen etwa schon schlafen? Leise betritt sie den Raum, um ja niemanden zu wecken. Dann, der Schock: Beide Betten leer, das Fenster offen. Auf dem Boden eine Nachricht: Drei Millionen sind gefordert oder die Kinder segnet das Zeitliche.
Ein Fall für Detective Burton. Der ist nämlich einer der besten Ermittler auf seinem Gebiet, hat einen zu kurzen Fuß, ein voll mobiles Forschungslabor und einen neuen Partner: den Spieler. Dieser übernimmt nämlich in der ersten Folge des Episoden-Adventures Casebook die Rolle des forensischen Assistenten. Klingt öde? Muss nicht sein, denn mit klassischen Forensik-Adventures hat Casebook gar nicht mal so viel zu tun, wie man das zunächst glauben mag.

Schauplatz und Zeugin des ersten Casebook-Falls
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Wimmelspiel meets Adventure – again

In letzter Zeit ist es ja in Mode gekommen, verschiedene Gameplay-Modelle des Gelegenheitsspiels mit Adventureelementen zu verknüpfen. So muss der Spieler in dem kürzlich erschienenen Three Cards to Midnight die Psyche eines jungen Mädchens erkunden und dabei einige Logikrätsel sowie Suchspiel-Einlagen lösen. Letzteres heißt im Fachjargon auch einfach „Wimmelspiel“ und erfreut sich bei den Gelegenheitsspielern immer größerer Beliebtheit. Während sich aber Three Cards to Midnight hauptsächlich auf die Story und ein paar Puzzlespiele stützt, versucht es Casebook mit einer anderen Methode: Das junge Entwicklerstudio Areo möchte mit seinem Erstlingswerk die Film-Adventures mit Hilfe von Suchspieleinlagen wieder beleben – und zwar als Episodenreihe à la Sam & Max.
Wer jetzt stöhnt, das Verknüpfen von Suchspielen mit ein paar Filmsequenzen sei alles andere als ein Adventure, der sollte sich das Konzept von Areo erst mal näher ansehen. Denn auch wenn es hier ebenso wenig ein Inventar wie Verben gibt, ist Casebook doch in erster Linie ein Adventure. Und wo viele andere Wimmelspiele auf hypothetische Rätsel oder reichlich beliebige Suchaufträge ausweichen, bleibt Casebook ganz praktisch und realistisch – und spielt sich auch so. Zudem ist das Adventure noch so komplex und auch technologisch clever umgesetzt, so dass es auch die meisten Adventurepuristen ansprechen dürfte.

Absuchen, Analysieren, Aushorchen

Jede Casebook-Folge ist in mehrere einzelne Kapitel unterteilt, die im Prinzip jeweils einen Tatort umreißen. Der Ablauf jedes Kapitels ist dabei größtenteils immer gleich und beginnt grundsätzlich erst mal mit der Tatortsicherung – der Wimmelspiel-Einlage, wenn man so will. Alle Objekte, die am Tatort für die Forensik von Bedeutung sein könnten, müssen fotografiert werden. Dabei werden nicht, wie sonst bei solchen Spielen üblich, einfach bestimmte Objekte auf einer 2D-Grafik angeklickt und die Sache hat sich. Die Tatorte hier sind nämlich alle reale existierende Kulissen, die mit einer neuen Technologie, „areographing“ genannt, eindigitalisiert wurden. Diese Technologie ermöglicht es, Räume in 3D abzuspeichern und für den Spieler in Echtzeit begehbar zu machen.

Wir untersuchen den Tatort...
(Mehr Bilder in der Galerie.)
Die Technologie ist wirklich clever und funktioniert erstaunlich gut. Es spielt sich tatsächlich wie ein Echtzeit-3D Adventure, nur eben mit real aufgenommen Locations. Für Puristen gibt es gleich eine Entwarnung obendrauf: Das komplette Spiel kann mit Maus gesteuert werden. Man blickt sich aus der ersten Person in 360° Manier im Raum um und drückt einfach die linke Maustaste, wenn man vorwärts gehen will. Dabei kann man sich wirklich frei bewegen, also nicht nur von einem Punkt zum nächsten. Wer Ende der 90er einige Spiele der „Video Reality“-Engine (z.B. Temüjin) gespielt hat, der kann sich ungefähr vorstellen, wie es funktioniert, hier allerdings zum ersten Mal richtig flüssig und mit vollständiger Bewegungsfreiheit.
Die braucht man auch, denn die verschiedenen Orte sind nur so vollgestopft mit wichtigen Informationen und Beweisstücken. Hat man etwas Spannendes entdeckt, ruft man mit der rechten Maustaste die Fotokamera auf. Mit dieser lassen sich die Beweisstücke dann fotografieren. Wichtige Objekte werden mit einem Rahmen angezeigt, mit einem Knopfdruck ist das Foto getätigt. Als Fotograf hat man dabei sogar noch einige Freiheiten mehr. So kann man beispielsweise mit dem Mausrad weit entfernte Objekte näher heranzoomen oder mit dem Macro-Modus sehr kleine Beweisstücke einfangen. Auch eine Hotspot-Anzeige haben die Jungs und Mädels von Areo integriert: Ein Druck auf die Taste „I“ (für Intuition) richtet die Perspektive automatisch auf das nächste wichtige Beweisstück aus.
Nach der Tatortsicherung begibt man sich in die Forensik. Dort werden die Bilder aus dem Fotoapparat ausgelesen und direkt an Pete geschickt, den Rechtsmediziner. Dieser analysiert für uns wirklich jedes einzelne Foto, mehrere Dutzend pro Tatort. Besonders interessante Funde führen automatisch zu einem Minispiel. Dabei muss man Proben mit der Maus zentrifugieren oder erhitzen, DNA-Spuren sichern, Fingerabdrücke abgleichen oder Tonbänder rekonstruieren. Alle Minispiele finden dabei direkt am Beweisstück statt, sind also durchaus in die Geschichte eingewoben.

Pete ist unser Forensikexperte, rechts: Wie erhitzen eine Probe
(Mehr Bilder in der Galerie.)
Wurde alle Fotos behandelt, werden die wichtigsten Beweisstücke dann noch in Akten einsortiert. Das geht Gott sei Dank recht fix und ist auch gar nicht so bürokratisch, wie es sich anhört. So können einzelne Fotos zum Beispiel miteinander verknüpft werden, wenn sich daraus ein Indiz ergibt. Genau wie die Minispiele sind aber auch diese Aktionen nicht schwierig: Nur korrekte Verknüpfungen werden vom Spiel akzeptiert, so dass unnötige Kombinatorik entfällt. Verknüpfungen sind dabei mit anderen Beweisstücken oder mit Verdächtigen möglich. Klickt man in der Akte ein Beweisstück an, leuchten alle denkbaren Verbindungen automatisch auf. Hat man genug Beweisstücke in Zusammenhang gebracht, führt dies in der Regel zu einem Verhör, einem speziellen Minispiel oder zu einem neuen Tatort.
Die Verhöre sind dabei der letzte Bestandteil einer jeden Casebook-Folge. Sie sind leider immer unserem Partner, Detective Burton, vorbehalten. Nur in einigen Fällen haben wir einen geringen Einfluss darauf, wie Burton das Verhör fortführt. Ansonsten sind während dieser Sequenzen zurücklehnen und zugucken angesagt.

Die schönen Aufgaben für den Vorgesetzten: Burton verhört
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Hervorragend abgefilmt, Partner!

Es ist fast schon ironisch, dass die besten Realfilmszenen derzeit aus der Independentecke kommen. Zumindest technologisch und optisch ist Casebook 1: Kidnapped wirklich hübsch umgesetzt. Zwar werden die Tatorte bei großem Zoom durchaus ziemlich pixelig, die Spielfilmsequenzen sind jedoch alle hochauflösend eingefangen, hübsch beleuchtet und in hervorragender H.264-Kodierung abgelegt. So belegt allein die erste Episode bereits rund 1 Gigabyte auf der Festplatte. In dieser Hinsicht kann sich Casebook durchaus mit aktuellen TV-Titeln messen. Eine große Leistung, wenn man bedenkt, dass der Titel von einem kleinen, unabhängigen Team in Eigenregie und bestimmt nicht mit viel Budget umgesetzt wurde.
Neben den reinen Filmsequenzen gibt es auch interaktive Filmschnipsel. In diesen läuft zwar ein regulärer Film ab, der Spieler kann sich währenddessen aber trotzdem mit der Maus umsehen. Hin und wieder reagieren die Gesprächspartner dann sogar auf die eigenen Reaktionen, z.B. wenn man mit einem Kopfnicken seine Zustimmung ausdrückt. Hierbei gibt es sogar kleine, multilineare Pfade während des Gesprächs, die dem Spiel auch einen Wiederspielwert geben.

Atmosphärisch ausgeleuchtet und interaktiv
(Mehr Bilder in der Galerie.)
Doch wo viel (Bühnen-)Licht ist, da ist auch Schatten. Schauspielerisch kann Casebook nicht so gut überzeugen wie technisch. Die eingeführten Figuren bleiben zumindest in der ersten Episode sehr stereotyp: Burton ist der klassische Detektiv mit Bartstoppeln und dubioser Vergangenheit, dem niemals ein Lachen über die Lippen kommt, Pete der clevere Wissenschaftler und Suzie die doofe Blonde von der Bar. Weder das Script noch die Darsteller schaffen es dabei, den Charakteren die Tiefe zu verleihen, um mit ihnen mitzufiebern. Vielleicht ändert sich das ja aber bei einer der nächsten Folgen.

Bruchstücke bitte selbst zusammensetzen

Nicht nur bei den Charakteren unterliegt das Script, auch bei der Tiefe der Geschichte selbst kann es nicht vollends überzeugen. Der Fall rund um die entführten Kinder Harry und Greta bleibt ohne große Überraschungen. Eine tiefere Verschwörung gibt es kaum, genauso wenig wie einen richtigen Spannungsbogen. Alle Ereignisse wirken recht bruchstückhaft miteinander verwoben, die verschiedenen Verhöre kommen teilweise relativ beliebig und manchmal fragt man sich, warum man dafür erst so viele Beweise suchen muss.
Auch beim Gameplay gibt es den einen oder anderen Schwachpunkt. So kann man immer nur acht Fotos auf einmal aufnehmen und muss dann zur Forensik. Natürlich versucht das Spiel so die Spielzeit zu strecken, aber der Ablauf wird dadurch ziemlich eintönig. Dass die Motivation nicht allzu stark darunter leidet, verhindert vor allen Dingen eine gute Spielerführung. Bei nahezu jeder Aktion hat Burton einen Kommentar oder wichtigen Hinweis, über das namensgebende Notizbuch informiert man sich immer über die aktuell wichtigen Aufgaben, die uns unser Partner erteilt und ein Tutorial führt auch unerfahrene Spieler schnell in das Geschehen ein. Etwas gering fällt der Musikumfang aus, der mit Sicherheit noch stärker zur Atmosphäre hätte beitragen können. Hin und wieder berieselt uns leichte Jazz-Musik, meistens beschränkt sich die Geräuschkulisse aber auf Vogelgezwitscher oder Straßenlärm. Außerdem ist die Maussensitivtät frei einstellbar, weitere Optionen gibt es nicht. Das Spiel stellt sich je nach Bildschirmauflösung automatisch auf Breitbild oder 4:3 ein. Auflösungen reichen von 1024x768 bis 1280x768. Untertitel fehlten noch in unserer Testversion, sind aber gemeinsam mit einem Engine-Update angekündigt. Das Spiel kostet 10 Dollar, umgerechnet also nicht mal 7,50 Euro. Bei dem betriebenen Aufwand mit Sicherheit ein alles andere als kostendeckender Preis.

Info

Kostenlose Demo-Episode verfügbar

Allen, die trotz des günstigen Preises erst Mal vorfühlen wollen, bietet Areo jetzt auch eine kurze, kostenlose Demoepisode an. In Episode 0: The Missing Urn muss der Spieler einen Keller analysieren um, die verschwundene Urne zu finden. Das rund 250 Megabyte Große Mini-Demo kann direkt auf der Seite von Areo heruntergeladen werden.
 


Kommentar

Die erste Episode von Casebook war das erste PC-Adventure, dass ich vollständig auf einem 42-Zoll-Bildschirm gespielt habe. Bequem vom Sofa oder Bett aus erfüllt es wirklich die Kriterien eines interaktiven Krimiabends. Die hohe Auflösung der Spielfilmsequenzen verwirrten einige meiner Kollegen so sehr, dass sie mich schon fragten, welchen TV-Sender ich denn da anschaute. In der Tat haben mir bei Casebook in erster Linie die tolle Aufmachung und die unglaublich detaillierten Schauplätze Spaß gemacht. Die Qualität ist für eine Independent-Produktion wirklich toll und die Freude auf die nächste Szene ist gleichzeitig der höchste Motivationstreiber. Wirklich mitfiebern konnte ich aber leider wegen des sich immer wiederholenden, doch recht anspruchslosen Gameplays und des flachen Scripts nicht. Bei Geschichte und Dramaturgie besteht bei Areo daher noch etwas Nachholbedarf. Betrachte ich mir die in letzter Zeit populär gewordenen Wimmelspiele, gewinnt das kürzlich erschienene Three Cards to Midnight in meiner Bewertung bei Spannung und Atmosphäre. Aber erst Casebook zeigt, wie clever man einfache Suchspiele mit Adventures verbinden und gleichzeitig audiovisuelle Qualität auf höchstem Niveau abliefern kann. Casebook mag kein eigenes Inventar oder clevere Kombinationsrätsel haben, aber es fühlt sich wie ein Adventure an, spielt sich auch so und zählt mit Sicherheit zu den besseren Vertretern des interaktiven Films. Angesichts des wirklich günstigen Preises von nicht mal 8 Euro und einer Spielzeit von ca. vier bis fünf Stunden kann man hier also nicht viel falsch machen. Freunde von Filmadventures haben vermutlich eh schon den bereits erhältlichen zweiten Teil gekauft, um die Produktion weiterer Episoden des neuseeländischen Teams abzusichern. Ich für meinen Teil werde das gleiche tun und freue mich bereits sehr auf die nächsten Auskopplungen der Casebook-Reihe!
Episode 1: Kidnapped

Preis/Leistung: 7/10


Episode 2: The Watcher



Abends. Die Skylark Appartments. Zugegeben nicht gerade die beste Gegend. Exzentriker, Alkoholiker und die Unterschicht wohnt hier. Fast lautlos fliegt plötzlich ein Körper am Fenster der Häuserreihen vorbei, landet mit dem Brustkorb auf einem Vorsprung und kippt dann nach hinten in den Innenhof. In der zweiten Episode von Casebook soll Detective Burton die Vorkommnisse dieses Absturzes näher untersuchen. Und eigentlich sieht alles zunächst recht eindeutig nach Selbstmord aus. Das Opfer, ein junger Mann mit dem Namen Francis Salt, galt als unnahbar, einsam und paranoid. Für Burtons Staatsanwältin Anna lautet das Urteil deswegen schnell: Selbstmord. Natürlich ändert das aber nichts daran, dass Spieler und Burton zunächst einmal den Tatort absichern, Beweise näher analysieren und Anwohner aushorchen. Bei ihren Recherchen finden sie in Salts Zimmer mehrere versteckte SD-Speicherkarten mit einem selbst gedrehten Videotagebuch. Darin wimmert ein sichtlich verstörter und gehetzt wirkender Francis etwas von Verfolgern, heimlichen Einbrüchen und einem Mann, der zwischen den Wänden wohnt. Ist Francis nun tatsächlich ein Verrückter oder versteckt sich in seinen gestammelten Botschaften doch ein Fünkchen Wahrheit?

“Never change a running forensic system“

Am Gameplay hat sich in der zweiten Episode nicht allzu viel geändert. Wieder besteht die Hauptaufgabe darin, mit dem Fotoapparat bewaffnet möglichst viele Details der verschiedenen Tatorte einzufangen und dann im mobilen Labor an den Rechtsmediziner Pete zur näheren Analyse zu senden. Im nächsten Schritt sind die Ergebnisse dann miteinander zu vergleichen, z.B. ob Blutspuren überhaupt zum jeweiligen Opfer passen. Wie in Teil 1 werden dafür die am Tatort „fotografierten“ Proben geschüttelt, geputzt, erhitzt oder markiert, um sie verwertbar zu machen. Doch gibt es bei den Minispielen gegenüber dem Vorgänger auch einige Neuerungen. So können bestimmte Beweise nun auch unter dem Mikroskop betrachtet werden. Defekte Filmschnipsel werden mit einer speziellen Bearbeitungssoftware von Rauschen und Flimmern befreit. Auch bietet Teil 2 einige ganz spezifische Minispiele, zum Beispiel wenn man die „Flugbahn“ des Opfers nachstellen muss. Zu guter Letzt bekommt sogar die allseits bereite Kamera Gesellschaft: Ein „Sniffer“ hilft nun auch beim Aufstöbern von Brandutensilien. Eingesetzt wird er ähnlich wie der Fotoapparat direkt am Tatort, nur dass man hier nicht auf bestimmte Gegenstände zoomt, sondern mit Hilfe eines Peilsenders möglichst nah an suspekte Substanzen gelangen muss, um sie einzusammeln. Die Tatorte sind erneut erfreulich kreativ und mit von versteckten Gegenständen und möglichen Beweisstücken gespickt. Die Navigation in den dreidimensional abfotografierten Räumen funktioniert wie immer erstaunlich gut und führt erneut vor Augen, welch spannende Technologie Areo hier entwickelt hat.

Auch in der zweiten Episode sind die Tatorte mit viel Liebe zum Detail gestaltet
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Düsteres Setting, mehr Tempo, wenig Akustik

Ebenfalls wie beim ersten Teil bleibt das Aushorchen der Verdächtigen Detective Burton vorbehalten: Während wir an den Tatorten fleißig herum marschieren, knipsen, zoomen und piepsen, ist Burton im Skylark Anwesen unterwegs. Seine aktuellen Ermittlungen werden wie immer in kurzen Zwischensequenzen eingeblendet, auf unsere Ergebnisse reagiert Burton dafür mittels Audiokommentare über das Walky-Talky. Die Filmszenen sind dabei gegenüber „Kidnapped“ etwas gestraffter. Banale oder wenig hilfreiche Gespräche werden nur noch per Split-Screen eingeblendet. Visuell ist Casebook weiterhin jedem anderen FMV-Adventure erhaben. Die einzelnen Videos sind professionell eingefangen und brauchen sich optisch nicht hinter den großen TV-Serien zu verstecken. Gekonnt wechselt Regisseur und Game Designer Sam Clarkson zwischen einfachen Schwenks, Kamerafahrten und Beobachterperspektive per Handkamera. Gegenüber dem ersten Teil wirkt „The Watcher“ damit sogar noch eine Nummer dichter und temporeicher. Enttäuschend ist weiterhin die Abwesenheit von musikalischer Untermalung. Die Tatorte sind weiterhin mit atmosphärischen Umgebungsgeräuschen hinterlegt, aber auf die Idee, mit etwas geschickt eingespielter Musik hin und wieder „Suspense“ zu erzeugen, ist man bis auf in den großen Zwischensequenzen noch nicht gekommen. Lediglich in einem Minispiel gibt es beim Abpinseln von DNA-Spuren eine kleine, akustische Verpackung, die man aber auf Grund der kurzen Dauer des Minispiels von wenigen Sekunden kaum genießen kann.

Gewohnt professionell: Zwischensequenzen mit dem
Egozentriker Hapman und der Tatverdächtigen Marie Zimmer
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Kammerspiel in High Definition

Trotz des Schritts nach vorne leidet auch die zweite Episode noch unter einer zu banalen, stereotypen Geschichte. Die versuchten, wenigen Wendungen sind dramaturgisch recht belanglos in die Geschichte integriert und viel zu kurz, um den Spieler wirklich auf eine falsche Fährte zu locken. Die Auflösung ist somit wenig spannend, die Motive des „Täters“ ziemlich alltäglich und bestenfalls kammerspielartig inszeniert. Zugelegt hat Casebook dafür in der Charaktertiefe. Wenn auch schauspielerisch nicht immer überzeugend, bietet vor allen Dingen die Hintergrundgeschichte des Opfers Francis Salt neues Potential. Da diese ausschließlich über die gefundenen, restaurierten SD-Karten direkt im forensischen Labor präsentiert wird, bekommt die posthum offenbarte Verschwörung eine viel dramatischere und direkte Brisanz als das noch bei den entführten Kindern mit den einfachen Zwischensequenzen der Fall war. Durchaus lässt sich damit eine gewisse Empathie für die Charaktere aufbauen. Aber auch Hauptdarsteller Burton kriegt nach dem sehr trockenen Einstieg in Teil 1 eine eigene, kleine Charakterstudie, die hoffentlich in Teil 3 weiter ausgebaut wird. Der erwachsene Plot und die drückende Atmosphäre der Appartements tragen ihren Teil dazu bei, dass „The Watcher“ - wenn auch keine schriftstellerische Glanzleistung - zumindest ein Schritt nach Vorne ist. Spielerisch darf man bei Casebook weiterhin keine Rätselkracher erwarten. Die Kernzielgruppe sind Gelegenheits- und Wimmelbildspieler. Ein Steckenbleiben ist dank der Spielhilfe so gut wie unmöglich, so dass selbst ungeübte Spieler nach rund 3 bis 4 Stunden das Finale gesehen haben dürften. Eine Ausnahme bilden eigentlich nur die speziellen Minispiele, die aber ebenfalls durch ein wenig probieren schnell gelöst sind. Pro Beweisstück investiert man in der Regel nicht mehr als eine halbe Minute in ein solches Spiel. Dafür gibt es aber natürlich auch in Teil 2 hunderte von möglichen Beweisen. Die meisten davon sind mit einem der 15 Minispiele versehen und mit zusätzlichen Kommentaren von Pete und Burton sowie möglichen Verknüpfungen zu anderen Beweisstücken belegt. Für ein Wimmelbildspiel ist das mehr als genug. Für ein Adventure wäre es durchaus auch zu vertreten, wenn Casebook dafür in der Story mehr punkten könnte. Das verpasst auch die zweite Episode weiterhin knapp, es gibt aber gute Gründe, dass der nächste Teil hier die Messlatte noch mal einen Schritt nach oben hängt.

Neue Minispiele (links) und alte Bekannte (Pete, rechts)
(Mehr Bilder in der Galerie.)


Kommentar

Zu viel Stress, zu wenig Zeit und eine gewisse Sättigung haben mich fast ein ganzes Jahr davon abgehalten, Casebook endlich weiter zu spielen. Nun bin ich wieder angefixt von dem Spielkonzept und der genialen Idee, „echte“ Tatorte in 3D zu durchwandern. Sicher, das Gameplay von Casebook ist wenig anspruchsvoll und die Geschichte weiterhin verbesserungswürdig. Dafür ist sie für mich aber ein perfekter Ausklang nach einem harten Arbeitstag mit ein bisschen Interaktion, sehr schön abgefilmten Szenen und einer ordentlichen Spiellänge. Im Gegensatz zu Teil 1 kann ich mich nun langsam auch mit den Charakteren etwas besser identifizieren. Vor allen Dingen die schauspielerischen Leistungen Nick Duval-Smiths als egozentrischer Künstler Marlon Hapman haben mich überzeugt. Wenn Areo hier im dritten Teil noch etwas zulegt, könnte ich durchaus noch ein richtiger Fan von Detective Burton werden. Etwas cleverer konstruierte Fälle, etwas spannendere Verhöre, etwas mehr Musik und etwas mehr filmische Action und Casebook wäre mein Toptitel unter den „Casual-Adventures“. Optisch macht dem Spiel der jungen Neuseeländer eh Niemand mehr etwas vor. Angesichts des mittlerweile irrwitzigen Preises von rund 5 Euro für eine Folge und auf Grund der noch mal gestiegenen Qualität der Reihe, hat sich Casebook bei der Bewertung auch einen Punkt mehr redlich verdient. Sollte Areo "The Watcher" wider Erwarten erneut auf den ursprünglichen Verkaufspreis von 15 Dollar (rund 10 Euro) erhöhen, darf man von der Bewertung einen halben Punkt abziehen. Ansonsten sollte Jeder bedenkenlos zuschlagen, der FMV-Adventures mag, auf gute Filmsequenzen mehr wert legt als auf Puzzles, der englischen Sprache mächtig ist und keine Story auf Agatha-Christie-Niveau erwartet. Ich weiß jedenfalls schon ganz genau, was heute Abend in meinem Fernseher zu sehen sein wird und freue mich bereits auf das Wiedersehen mit Burton & Co im dritten Casebook-Teil.
Episode 2: The Watcher

Preis/Leistung: 8/10


Episode 3: Snake in the Grass



Ein idyllisches Fleckchen, irgendwo versteckt in einem tiefen Talausläufer und von großen Nadelbäumen umrankt, nahezu völlig abgeschnitten von der Außenwelt – das ist der Schauplatz der dritten Casebook-Folge. Garden, so der kennzeichnende Name der Ortschaft, ist eigentlich ein ruhiges Dörfchen, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Ohne Großstadthektik und Alltagsstress zimmert, gärtnert oder „künstlert“ die Landbevölkerung zufrieden vor sich hin, als wäre die Zeit vor ein paar Jahrzehnten einfach stehengeblieben. Als aber schließlich ein Detective Burton etwas neugierig durch das verschlafene Nest radelt und dabei beginnt, herumzuschnüffeln, wundert es nicht, dass der ansässige Sheriff den Kriminalisten erst Mal mit Argwohn begegnet: Vor einiger Zeit überschattete ein Mord die perfekte Kulisse von Garden. Doch der Täter ist längst gefasst, hat bereits gestanden und Garden möchte nichts anderes als wieder möglichst schnell zum gewohnten Alltagstrott zurückkehren. Doch Burton traut dem Frieden nicht. Die Handschrift des Mordes machte ihn hellhörig: Steckt ein alter Feind, dessen Namen wir hier einmal nicht verraten wollen, und mit dem Burton noch eine Rechnung offen hat, hinter all dem?

Diesmal ermittelt Burton bei der bodenständigen Landbevölkerung
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Erwachsene Unterhaltung

Gleich zu Beginn von „Snake in the Grass“ wird klar: Casebook ist keine simple Casual-Reihe mehr. Mit dem dritten Teil führt Areo ganz stringent die Entwicklung von Charakteren und Story fort, die bereits im zweiten Teil angedeutet war. Hatten wir zunächst wegen einer recht alltägliche Kindesentführung ermittelt, hat sich Geschichte bereits ab der zweiten Episode vom vorherigen Trott abgekoppelt und einen eigenen, neuen Dramaturgie-Bogen aufgebaut, der sich nicht mehr nur auf eine abgeschlossene Episode beschränkt. Zwar sind die Fälle auch ohne Vorwissen der anderen Episoden lösbar und verständlich, die Entwicklung der Charaktere und die tieferen Zusammenhänge erschließen sich aber erst aus dem übergeordneten Zusammenhang der Episoden. So scheute Casebook auch in Folge 2 nicht vor einem Cliffhanger zurück. In Folge 3 ist Burton jetzt nicht mal mehr im offiziellen Auftrag seiner Behörde unterwegs, sondern ermittelt auf eigene Faust. Kennzeichnend und mit leichter Selbstironie sind beispielsweise die Szenen, in denen Burton in Ermittler-Kluft mit einem wackeligen, kleinen Fahrrad durch das Hinterland fährt oder es sich durch ein vorlautes Mundwerk mit besagtem Sheriff verscherzt. Areo mag bei Casebook zwar häufig auf wiederkehrende Spielmechaniken setzen, aber eins ist die Serie spätestens jetzt mit Sicherheit nicht mehr: eine Aneinanderreihung banaler Kriminalfälle mit Casual-Einlagen. Nachdem man sich in „The Watcher“ noch nicht ganz sicher war, zeigt sich in Folge 3 deshalb mittlerweile eindeutig, dass man mit Burton noch weit mehr vor hat, als ihn als stereotypische Figur in einem Spiel zu verwursten.

Kinoflair mit Charakterstärke
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Breit, Breitbild, Cinemascope

Auch visuell zeigt man uns, wo's diesmal lang geht: Nachdem die beiden Vorgänger bereits mit schick abgefilmten Breitbildaufnahmen glänzten, zieht Regisseur Sam Clarkson die Szenen jetzt vollkommen auf Cinemascope-Niveau auf und fängt sehr atmosphärische Aufnahmen von dem verträumten Städtchen und seiner Bewohnern ein. Nach dem bläulich unterkühltem Appartement-Flair aus der zweiten Folge herrschen diesmal warme Braun- und Orangetöne als Farbset vor. Gekonnt konterkarieren sie die fadenscheinige Ermittlung der um Bewahrung des Scheins bemühten Landbevölkerung mit der grausamen Unmenschlichkeit des Mordes und des tatsächlichen Täters - der noch dazu ungeniert und völlig offenkundig mitten unter den Einwohnern von Garden lebt. Auch die Konstruktion des Falles ist, wenn auch erneut ohne große Wendungen, cleverer und stringenter als in den Vorgängern. Dazu kommen einige durchaus spannend inszenierte, interaktive Szenen in der direkten Konfrontation mit dem Mörder, die den bislang etwas plätschernden Dramaturgieaufbau deutlich unterfüttern. Gleiches gilt für die Tatorte. Egal ob verträumte Ortskirche oder unheimliche Geheimkammer, die „Locations“ sind spannend ausgewählt, schön gestaltet und wie immer gespickt mit vielen interessanten Beweisstücken, die es erneut zu untersuchen (sprich: zu fotografieren) gilt.

Tatorte diesmal u.a.: Eine kleine Kirche und ein mysteriöses Gartenhaus
(Mehr Bilder in der Galerie.)

Giftiges Zeugs, Wechselmöglichkeiten und eine Frau

Spielerisch hat man diesmal weniger verändert als in Folge 2. Der Sniffer findet keinen Einsatz und ein abgewandeltes Gameplay oder neue Minispiele beschränken sich eigentlich ausschließlich auf die (wenigen) episodenspezifischen Rätsel. Beispielsweise darf man in „Snake in the Grass“ verschiedene Chemikalien in der richtigen Reihenfolge zusammen mixen. Am Schwierigkeitsgrad ändert sich also nicht wirklich etwas, dafür ist es nun aber über das Notizbuch auch möglich, zwischen mehreren Tatorten hin und her zu wechseln. Insofern ist die dritte Episode auch ein richtiger Schritt in Richtung „mehr Non-Linearität“. Ebenfalls neu ist die Zusammenarbeit mit Anja Nillsen, die unseren bisherigen Forensiker Pete ersetzt. Die genauen Hintergründe für Petes verschwinden bleiben dabei allerdings relativ unangetastet. Vielleicht gibt es in der nächsten Folge ja weitere Informationen über die Änderung dieser Personalien. Dem Spiel tut jedenfalls die Einführung eines weiblichen Sidekicks in der bislang männlich dominierten Spielerwelt dank den aufgefrischten, akustischen Kommentaren während der Analysephase im Van ganz gut.

Neu: Kartennavigation (links) und Chemie-Minispiele (rechts)
(Mehr Bilder in der Galerie.)


Kommentar

Mir gefällt sehr gut, wo Casebook mit der dritten Episode hinläuft. Hatte ich zu Beginn tatsächlich das Gefühl, nur eine einfache Casual-Serie mit gut gemachten Filmsequenzen und einer banalen Geschichte vor mir zu haben, treibt Areo die Charakterentwicklung nun langsam aber stetig voran. Das gilt vor allen Dingen auch beim Aufbau des neuen Feindes, bei dem ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob man ihn in den nächsten Episoden nicht doch noch einmal begegnen wird. Auch die neue Umgebung, die weitere Professionalisierung beim Videomaterial und die atmosphärischen Tatorte bringen noch mehr Kinoflair ins Spiel. Sicher, die Geschichte kommt immer noch nicht an ein Tex Murphy oder Gabriel Knight heran. Man merkt ohne Zweifel, dass Areo derzeit noch mit dem Charakterset experimentiert, manche Sachen dabei nur anschneidet und dann wieder fallen lässt. Die gemachten Änderungen sind aber richtig und wichtig, um mich bei der Stange zu halten. Denn das repetitive und immer noch sehr einfache Gameplay allein hätte, gemischt mit einer sich ebenfalls wiederholenden Serien-Dramaturgie, einfach für zu viel Langeweile gesorgt. So spiele und bewerte ich Casebook jetzt wirklich mehr wegen der Story und meinem Interesse an den Charakteren auf ihrem weiteren Weg und weniger an Hand des Gameplays. Eine wirkliche Weiterentwicklung hatte ich hier wegen der Zielgruppe ohnehin nicht erwartet. Umso erfreulicher dabei natürlich die Ankündigung des Teams, demnächst auch eine etwas komplexere Adventure-Variante zu veröffentlichen. Das Zeug zu einem wirklich gelungenen Adventuretitel hätte Casebook mittlerweile allemal. Dass man bei dem Episoden-Preis von derzeit unter 4 Euro nicht viel falsch machen kann, brauche ich jetzt nicht mehr extra zu erwähnen, oder?
Episode 3: Snake in the Grass

Preis/Leistung: 9/10

Sebastian 'Basti007' Grünwald


 

 


DosBox-Demo
der Woche


Gene Machine
(Vic Tokai)

Download (54 MB)
Lösung

Es findet im Moment keine Umfrage statt.

Amazon.de Partnerschaft

(c) 2000 - 2010 by Adventure-Treff
Alle Bilder, Sounds, Dateien und weitere Inhalte dürfen nicht ohne vorherige
Genehmigung benutzt werden. Aber wenn ihr nett fragt, bekommt ihr sie bestimmt!